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Der Bieber Beppo

 

 

 

 

Es gibt Dinge in einem Haushalt, die nicht angeschafft werden müssen, sondern die immer schon existierten, so wie es die hübschen Blümchentassen mit Sprung und genau DEN großen grünen Topf gibt, dessen Emaille-Innenleben bereits mehrfach verwundet wurde im Eintopfkrieg, der aber DIE genau richtige Größe hat, um beispielsweise Bollosauce auf Vorrat zu kochen, oder um eine Partysuppe darin zu zuzubereiten. Die kann getrost den ganzen  Abend lang darin warmgehalten werden, dann gegen 23:30 Uhr langsam erkalten, um gegen 3:30 Uhr noch einmal - jetzt mit leicht angebrannter Basis am Boden - erwärmt und auf die Alkoholmischung im Magen geschöpft zu werden. Man kennt das.

 

Mir haben es die Holzlöffel angetan, die mein Omchen immer benutzt hat. Wahrscheinlich leben sie in jeder Familie, diese dunkelbraun bis schwärzlich angekokelten Rührhilfen, die jedes schicke Edelstahlaccessoire mit ihrem verlebten Vintage - Charme ausstechen. Niemals habe ich darüber nachgedacht, dass einer dieser Löffel auch irgendwann einmal aus einem Baum, der zu Holz wurde, angefertigt werden musste, zurechtgeschnitzt und geschmirgelt. Omas Löffel waren Handschmeichler, ihre Rührmulde oder wie man das nennen soll, war schon ganz glatt und flach; wie gerne strich ich als Kind mit dem Daumen über diese ebene, dunkel verfärbte Fläche, spielte mit den Löffeln Köchin und nahm den Geruch von Küchendünsten aus Dekaden in mich auf. Als ich selbst einen Hausstand gründete, kam zum ersten Mal die Frage auf, wie ich nun an einen solchen Löffel gelangen konnte. Zu meiner großen Überraschung erfuhr ich, dass man sie in Kaufhäusern oder gar Supermärkten erwerben konnte. Aber was für eine Enttäuschung! Diese blassen, charakterlosen, rauen Gesellen wollte ich nicht haben!

 

Am besten ist es also, man erbt solche Dinge, sie sollten ganz kommentarlos von Generation zu Generation weitergereicht und weiter benutzt werden. Doch auch der robusteste Küchenfreund gibt irgendwann, haha, den Löffel ab, hat einen zu großen Riss (Verkeimung!! Ach, was soll´s), oder bricht. Das Gleiche gilt für Holzbrettchen, Lieblingstischdecken mit Loch, Backformen. Eine Guglhupfform und Plätzchenausstecher KAUFEN? Wirklich?? Solche Artikel hat man doch einfach. So etwas kaufen Mamas, Omas, Schwiegermuttis, um es für uns „einzufahren“, geschmeidig zu machen, Patina aufzubringen und um es vielfach zu erproben. Vielleicht, habe ich mir schon öfters gedacht, fallen sie auch vom Himmel oder erscheinen einfach in Schubladen und Schränken.

 

Die alten Streichmesser meines Opas, die er regelmäßig am Wetzstein schliff und die am besten waren, um Wurst vom Stück zu schneiden und Bütterkes zu schmieren! Die gibt es auch in einer Neuauflage, aber ich traue denen nicht so recht, diesen zugereisten Fremdlingen!

 

Bieberbetttücher sind auch solche Kameraden, die in Schränken zu liegen haben, ohne dass sie jemals gekauft wurden. Neue, flauschige Bieberbetttücher, die erst gewaschen werden müssen und das Trocknersieb vollfluffen sind nicht ohne, aber am besten sind die schon leicht angeschnubbelten, angewaschenen Biebis, in pastelligem Rosa oder Milchbar-Vanillegelb, die lecker nach altem Holzschrank und ganz leicht nach Seife oder Lavendel oder Waschmittel riechen.

 

„Hammer kein Bieber Beppo(ch)“ hieß es in unserer Familie schon mal, wenn es einem sehr fröstelte. Ich fragte mich als ganz kleiner Wichtel, wer dieser Bieber Beppo wohl sein könnte; tatsächlich war das natürlich die merkwürdige, dialektige Aussprache meines Vaters. Der Bieber Beppo tauchte öfters auch bei meinen Großeltern und später Schwiegereltern auf, wenn für (spontan) übernachtende Enkel, fröstelnde Schwiegertöchter in spe oder Freunde noch Schlafstätten improvisiert, Betten großzügig geräumt  oder für kleine Prinzessinnen eh bereits parat gemacht wurden.

 

Nie war es kuscheliger, als in altmodischer, bügelfreier Bettwäsche zu mummeln, oder in der nach Heißmangel riechenden damastenen, die noch aus dem Aussteuerfundus stammte.

 

Auch Werkzeug und Ähnliches ist nicht immer käuflich, es liegt im Schuppen, auf der ollen Werkbank, oder es wird beim Nachbarn entliehen. So gab es das sogenannte „Hösblöschen“, das immer an die Famile von gegenüber verliehen wurde, wenn dort der Nutzgarten bestellt werden sollte, dabei hatte diese Familie selbst wunderbar alte und teilweise obskure Dinge und Gerätschaften. Dort gab es eine echte Spielzeug-Rarität: Einen Bären auf Rollen, den ich per se klasse fand, dieser hier war aber kaum noch erkennbar, das Fell mehr als räudig, die Ohren fast kupiert. Er lebte unter einer Bank im Hof und hatte drei Kinder und danach diverse Enkel geduldig er- und getragen und diente sicherlich auch einer Kolonie Milben und Motten als Heimat. Überhaupt stand und lag dort jede Menge oller Spielkram herum. Kinder mögen so etwas. Auch halbaufgeblasene, mürbe Plantschbecken aus dem Fundus des Gartenhäuschens, improvisierte Wasserrutschen aus alten Plasteplanen, durchgelegene Gartenliegen und alte Tücher zum Hüttenbauen.

 

Es steckt in diesen Dingen so viel: Erinnerungen, Gerüche, Originalität, Familie, Liebe, Selbstverständlichkeit.

 

Dat kann man einfach nich kaufen! Auch nicht auf dem Trödel, denn dann steckt eine andere Familie darin, mit deren Erinnerungen man nichts zu schaffen hat.

 

Wohl dem also, der zumindest Omas Kochlöffel besitzt.

 

 Foto: Low Budget Cooking

 

 

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Vera (Mittwoch, 22 Mai 2019 21:30)

    Oh, wie bin ich begeistert! Bin auch Liebhaberin von so feinen Erbstücken und hege und pflege sie wie verrückt. Danke für den wunderbaren Text. Werde ich mir bestimmt noch ein paar Mal durchlesen.

  • #2

    Ursula Lieux (Sonntag, 26 Mai 2019 02:20)

    Ach.. wie herrlich zu lesen !!! Jetzt, wo ich Oma bin .. habe noch viele von diesen vererbten Schätzchen im Schrank und Schubladen !! Wer weiß , was aus ihnen wird ?!


  • #3

    Sandra (Sonntag, 26 Mai 2019 18:19)

    Lieben Dank für eure Kommentare und fürs Lesen natürlich!�

    Liebe Grüße
    Sandra